#262

Als ich neben meiner Freundin durch den Eingang der Kirche im Nachbardorf trete, sehe ich schon, wie er da links an der Treppe steht, die zur Empore führt. Noch hat er uns noch nicht entdeckt, aber gleich wird er den Kopf Richtung Eingang wenden und bäääääm.
Er schaut uns an. Erkennt uns. Sein Gesichtsausdruck spricht Bände, es ist als könnte man darin Lesen wie in einem offenem Buch. Er schaut uns an wie ein Auto, wie eine Erscheinung oder irgendetwas, was nicht ins Bild passt. Das war so krass zu sehen wie sich sein Gesichtsausdruck verändert.... Ich glaube er hätte nie im Leben damit gerechnet, dass wir da auftauchen könnten.
"Hola. Q tal?" meint er nach einigen langen "Schrecksekunden" zu meiner Freundin und umarmt sie zur Begrüßung. Dann stehen wir uns gegenüber. Er schaut mich an. Immer noch vollkommen perplex, will mir seine Hand hinhalten, lässt sich dann aber doch von mir umarmen. Und es scheint mir so, als wäre er froh, dass ich diesen Part übernehme....
Wir nicken uns kurz zu, dann lassen wir ihn da unten ein wenig verwirrt und überrumpelt zurück und gehen die Treppe zur Empore hinauf. Der Gottesdienst beginnt, alles geht seinen normalen Gang - es wird nur die Taufe von zwei Babys eingeschoben, aber auch das ist schnell erledigt. Die ganze Zeit habe ich seinen Blick vor meinen Augen.
Kommunion. Wir gehen runter. Er steht in der Schlange neben mir. Ich betrachte ihn von hinten, bis ich weiter nach vorne gehe, weil meine sich schneller bewegt. Kurz bevor ich die Treppe zur Empore wieder hinaufsteige, sehe ich kurz wie er den Mittelgang entlang geht und es schießt mir nur ein einziger Gedanke durch den Kopf: Er ist wirklich noch immer der schönste Mann der Welt für mich. Und ein Gefühl sagt mir, dass sich das so schnell auch nicht mehr ändern wird.
Nach der Messe ist Pfarrfest. Meine Freundin und ich gehen auch in den Innenhof, wo die Bierbänke aufgebaut sind, setzen uns. Beobachte ihn ein wenig, wie er mithilft....Zettel schreibt, Dinge durch die Gegend trägt,... 
Er kommt nicht zu uns. Auch nicht, als wir uns ein Bier holen und dann wieder hinsetzen. Er geht uns eher aus dem Weg, als wir mit dem Bier zurück zum Tisch gehen. Hält sich von uns entfernt auf, macht andere Sachen, bis er plötzlich ganz verschwindet.
Wir trinken unser Bier aus, wollen dann zur Bahn. Gläser sollen in die Küche, heißt es. Dort steht er und räumt Bierflaschen in den Kühlschrank. Er schaut uns an. Diese tollen blauen Augen.... Irgendwie wirkt er scheu, schüchtern,...algo le daba vergüenza....
"Wir gehen dann..." meinen wir. Er nickt und verabschiedet sich von meiner Freundin. Wir reden drei Takte, dann muss er kurz weg und was erledigen. 
"Jetzt kommt er sicher ned mehr wieder...." meint sie. Ich zucke die Schultern und hoffe, dass er wieder zurückkommt. 
Er kommt wieder. Fragen ihn was zu seiner bevorstehenden Reise. Aber irgendwie kommt kein wirkliches Gespräch zustande. Was ist da los? Er ist doch sonst so eine Labertasche die einen halbtot reden kann...letztens als ich ihn in der Bahn traf, war er auch gleich "Hey! Cool, schon lang nicht mehr gesehen. Wie geht's? Wo geht's hin?" etc. und heute?
Er muss eben was helfen und meine Freundin geht zur Toilette. Ich warte. Er geht an mir vorbei, schaut mich an, meint so was wie "Sorry" und weg ist er.
Ich dachte er würde gleich wieder kommen, aber nix da. Wir finden ihn draußen, wo er sich mit jemandem unterhält und als wir ihn von hinten antippen, weil wir jetzt wirklich zum Bahnhof müssen, erschreckt er sich voll.
Eine letzte Umarmung. Einen letzten Blick - verwirrt, schüchtern, scheu,....
Dann gehen wir zum Bahnhof und ich bin alleine mit meinen Gedanken, aber ich weiß, dass meine Freundin und ich das gleiche denken....so haben wir ihn noch nie gesehen......
Ich komm gerade irgendwie gar nicht klar damit, keine Ahnung warum. Ich verstehe irgendwie nicht warum er so reagiert hat, warum er sich so verhalten hat....das passt gar nicht zu ihm.....überhaupt nicht..... Ich frag mich die ganze Zeit, ob es daran lag, dass ich plötzlich da war an einem Ort, an dem er mich nie im Leben erwartet hätte.....


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La vida...

«In dieser Nacht erzählte er mir, er glaube, das Leben gestehe jedem von uns wenige Momente reinen Glücks zu. Manchmal sind es nur Tage oder Wochen. Manchmal Jahre. Alles hängt von unserem Schicksal ab. Die Erinnerung an diese Momente begleiten uns für immer und wird zu einem Land des Gedächtnisses, in das wir im ganzen Leben umsonst zurückzukehren versuchen.»
[Marina - Carlos Ruiz Zafón]