Bailar..... - mal was selbstgeschriebenes aus meinem aktuellsten Text...

Doch bevor ich ganz vergessen kann, dass es jene Briefe gibt und noch eher welche meine Reaktion darauf ist, landet ein neues Kuvert auf meinem Schreibtisch. [...]
Lange starre ich es an, schiebe es hin und her und lasse es schließlich unberührt liegen. Ich will versuchen es nicht zu öffnen, auch wenn sich mein Innerstes auf irgendetwas eine Antwort wünscht. Jedoch bezweifle ich, dass mir dieser neue Brief so etwas geben kann. Jene davor brachten nur noch mehr Unordnung in mein Leben, warum sollte es sich mit diesem anders verhalten? [...] Wie als würde mich eine unbekannte, unsichtbare Person bei der Hand nehmen und führen, lese ich den neuen Brief am darauffolgenden Abend. Ich öffne den Umschlag schnell, ziehe das Papier heraus und überfliege den Text. Ich will mich nicht mehr darauf einlassen, doch ich kann mich nicht davor schützen, irgendwie besitzen ihre Worte, ihre Schrift und der Inhalt eine magische Wirkung. Irgendetwas zwingt mich dazu die Nachricht ganz genau zu lesen. Langsam setze ich mich hin und beginne mich sträubend von vorne:

Lieber Dominik,
ich hab dich damals auf dieser lateinamerikanischen Party von der Uni tanzen gesehen. Diese fette Party, die warum auch immer, nur ein einziges Mal so stattfand und danach nie wieder.
Ich weiß gar nicht wie ich da überhaupt damals reingekommen bin. Wahrscheinlich hatten mich Bekannte von dem tollen Perú "Verein" mitgenommen. Du warst da mit diesem Mädchen, was sich später als deine Freundin herausstellte. Verdammt lange glatte schwarze Haare, ein olivfarbener Teint, mittelgroß,... mehr sah ich von diesem herumwirbelnden Etwas nicht, der weder irgendwelche Schrittfolgen noch die kompliziertesten Figuren aus dem Takt bringen konnten und sie dabei auch noch gut aussehen ließen. Mal von der Figur die du daneben machtest abgesehen - es war klar, dass sich die restlichen anwesenden männlichen Wesen von dir verdammt herausgefordert gefühlt haben müssen. Schon allein wie sie euch beobachtet und dir öfters neidvolle Blicke zugeworfen haben ist sicher nicht nur mir nicht entgangen.
Bereits an jenem Abend wurde mir klar, dass ich mit meinen Mainstream blonden Haaren und meinem wohl recht typischem europäischen, wenn nicht vielleicht sogar deutschem Aussehen, bei dir nie eine Chance gehabt hätte und auch nie haben würde. Nicht gegen diese Wunderfigur...sie musste ja noch nicht komplett wie eine Latina aussehen, aber schon ein wenig des Exotischen ließ auf deinen exquisiten Geschmack und dein besonderes Interesse an Lateinamerika schließen. Ich wäre dagegen nie wirklich angekommen. Schon mal altersmäßig nicht – auch wenn es eher eine Vermutung Meinerseits darstellt, dass die da auf dem Parkett mit dir tanzte älter war als du.....so genau habe ich sie ja nie zu Gesicht bekommen, als dass ich meine Beobachtung hätte bestätigen können.
Diese Show, die ihr dort allen Anwesenden botet – sei mal dahingestellt, ob sie es sahen, sehen wollten oder ohne Erfolg versuchten zu ignorieren – war erstklassig...etwas wovon jeder andere Anwesende nur träumen konnte.
So auch ich.
Auch bei sehr viel intensivem Training hätte ich dieses Niveau niemals erreichen können. Unmöglich. Diese Präzision und Liebe im Detail der kleinen Gesten und Schritte, Mimiken und vollführten Drehungen, angedeuteten Bewegungen und ausgedrückten körperlichen bzw. sexuellen Anziehung. Ein Gespräch, eine Erzählung, eine Geschichte. Vollgeladen mit Schmerz, Verlangen, Liebe, Trauer, Lust und Leidenschaft. Ausgedrückt in Bewegungen. Hineingelegt in die Musik. Du hast alles um dich herum vergessen...stimmt‘s? Du hast die ganzen Leute nicht mehr gesehen, hörtest nur die Musik samt ihren Melodien und Rhythmen, Seufzern und Jauchzern, kanntest nur die Stimme, welche eine Geschichte von Liebe und Hass, Freude und Verzweiflung, Leben und Tod, Trauer und Einsamkeit erzählte. In diesem Moment lebtest du in der Musik, umgeben von all diesem, mit deinem Körper Bewegungen ausführend, die dein Innerstes und deine Gefühle indirekt wiederspiegelten, welche diese Musik in dir hervorrief. 
Deine Tanzpartnerin war gut...aber nicht gut genug für dich. Sie machte Patzer, die ein Laie wie wir aber kaum bis gar nicht registrieren konnte...zu schnell ging das alles. Sie kannte die Geschichte, die du durch deinen Tanz erzählen wolltest, nicht, sie wusste von all dem nichts...sie gab sich nur den Rhythmen hin und folgte dir so in eine für alle Außenstehenden unbekannte Welt, die sie möglicherweise selbst nicht  (ganz) verstand, sie aber so gut es ging mit dir zu leben versuchte, auf eine Art und Weise, der nie jemand würde das Wasser reichen können.
Danach habe ich dich nie wieder tanzen gesehen. Kein einziges Mal. Hast du es danach aufgegeben, obwohl du so gut warst? Ist dir das überhaupt klar...dein Talent?
Ich habe auch nie wieder jemanden so Tanzen sehen wie dich. Niemand, der mit einer einzigen Bewegung eine so große Bandbreite an Gefühlen und Assoziationen des Lebens ausdrücken kann. Ich habe immer danach gesucht, auch bei echt guten Tänzern, Tanzpartnern, bei Wettbewerben...doch die Wahrheit ist: es gibt niemanden, der dir das Wasser reichen könnte – jedenfalls in meinen Augen!
Es ist unmöglich...selbst die meisten Profis, die sonst so perfekt erscheinen und einen Preis nach dem anderen abräumen, verpatzen es früher oder später. Ihnen fehlt dieses feeling. Sie zählen bei schwierigen Figuren und Schrittfolgen mit und bei den einfachen bemerkt man trotz Präzision und Perfektion, dass es wiederum zu normal und einfach ist, zu alltäglich könnte man sagen.....sie leben nicht in und mit der Musik...vielleicht versuchen sie es...manchmal mit mehr oder weniger Erfolg...
Am beeindrucktesten war der Tango den du abliefertest...wahrscheinlich haben die den nur wegen euch gespielt. Sonst war die Party ja viel zu lebhaft und freudig, als dass diese traurige schwere Musik gerechtfertigt gewesen wäre – oder der  eine DJ hatte einfach nur ein Faibel für Buenos Aires und seine Musik. Hier konnte man einfach nur staunend daneben stehen, während du deine Geschichte von Trauer und Verzweiflung erzähltest, während das Bandeon voller Melancholie seufzte. ...und wenn sie nicht echt war, so stelltest du sie verdammt wahrheitsgemäß dar...entführtest die Anwesenden in ein fremdes Land, eine fremde Stadt, ein fremdes Leben, zu einer unerfüllten Liebesgeschichte, der Rivalität um eine Frau und der schließlichen Niederlage. 
Salsa war pure Lebensfreude und Lebenslust dagegen, gefüllt von schnellen Drehungen und wagemutigen Manövern deiner Tanzpartnerin. Bachata hingegen Leidenschaft und Verlangen – erfüllt oder unerfüllt....
Samba, die Musik Brasiliens.
Kizomba, Lambada, Mambo, Forró, Merengue, Cumbia und wie sie alle heißen...immer gab es Variationen, weiß der Geier wo du all diese Tänze auf diesem Niveau gelernt hast...oder bist du einfach nur ein totales Naturtalent. Und um die anderen Anwesenden indirekt noch mehr zu demütigen  (so jedenfalls muss es der ein oder andere sicher empfunden haben) machtest du auch vor den "normalen" Standard- und Lateintänzen der hiesigen Tanzschulen nicht halt und schütteltest eine besondere Figur nach der anderen zu jeder möglichen Melodie und Rhythmus aus dem Ärmel. Wobei man anmerken muss, dass deine Tanzpartnerin wirklich nicht bei allem super gut mitzog und so manches ihr sowohl Kopfzerbrechen als auch Unsicherheit bereitete – deswegen auch, dass sie nie und nimmer gut genug für dich war! (Meiner Meinung nach auch auf einen anderen Aspekt bezogen, aber in diesen Teil deines Lebens will ich mich wirklich nicht einmischen, denn ich denke das steht mir nicht zu...)      
Vielleicht erinnerst du dich nicht mehr so genau an jenen Abend, mir jedoch wird er für immer im Gedächtnis bleiben. Auch als jener an welchem ich mich schlussendlich rückhaltlos in dich verliebt habe und mir sehr klar wurde, dass ich nie jemanden finden würde, den ich genauso mögen würde, niemanden, der dir das Wasser reichen könnte und ebenso wenig jemanden, den ich nicht mit dir vergleichen würde...
Denke darüber nach, wenn du wieder tanzst…lasse dieses Talent nicht ungenutzt…denn du bist wirklich richtig gut!
Cuanto me muriera por bailar una vez así contigo....
In Liebe,
Carina

Ich starre die Buchstaben an. Carina hat wirklich ein Talent Dinge zu beschreiben. Fast sehe ich diesen Abend wie einen Film vor meinen inneren Augen von einem total konträren Blickwinkel als wie ich ihn erlebt habe. Klar, ich tanzte, doch während ich tanzte, war ich in einer total anderen Welt. Ich bekam nichts von meiner Umwelt mit und wirbelte meine Freundin durch die Gegend, merkte, dass sie manches nicht wirklich auf die Reihe kriegte, doch das war mir in jenem Moment total egal. Je mehr ich tanzte und je mehr Drehungen ich machte, desto schneller drehten sich auch die Gedanken in meinem Kopf und je schneller sie durcheinander wirbelten, desto weniger konnten sie mich beeinflussen und ich darüber nachdenken. Es war das erste und einzige Mal, dass ich nach Perú auf diese Art und Weise tanzte und mich fallen ließ. Nie mehr ließ ich es zu, derart die Kontrolle zu verlieren. Nie mehr ließ ich es zu, dass ich tanzte, wie ich es in Perú getan hatte. Nie mehr legte ich so viele Emotionen in meine Bewegungen.
Ich hatte gar nicht gewusst, dass Carina auch auf dieser Party anwesend gewesen war, dass sie mich so genau beobachtet hatte. Da mich so viele anstarrten, waren sie alle zu einer Masse an Gesichtern geworden, zu einer Masse an Körpern, die mir zu oft im Weg herumtanzte. An dieses Gefühl erinnere ich mich zu gut – dass ich ziemlich genervt war, von all diesen Volltrotteln, die nicht wussten, wie man sich zu der Musik zu bewegen hatte. Schade, dass man an jenem Abend nichts gewinnen konnte…als bestes Tanzpaar oder so. Ich glaube, dass hätten wir mit links geschafft.
Der Brief bleibt auf meinem Schreibtisch liegen, während ich wie ferngesteuert meine geheime Lateinamerika-Playlist anstelle…jene Playlist, die ich kaum höre, weil sie zu viele Erinnerungen birgt. Wie ferngesteuert stehe ich im Raum, lasse den Rhythmus auf mich wirken und beginne mich zu bewegen, beginne Geschichten zu erzählen und mit meinen Bewegungen, Mimiken und Gestiken, unbekannte Zeichen in den Raum zu zeichnen. Mein Körper bewegt sich wie von selber, ohne dass ich über den nächsten Schritt nachdenken muss. Ich falle hinein in den Rhythmus und die Melodie, lasse mich treiben und trete in eine Art Interaktion mit derselben.
Ich kann nicht sagen, wie lange ich mich so bewege, wie viele Lieder meiner Playlist an mir vorüberrauschen, ohne dass ich sie wirklich wahrnehme. Ich weiß nur noch, dass ich irgendwann in eine Ecke meines Zimmers sinke, mich ausgestreckt auf den Boden lege und nach oben starre, während sich die Decke über mir zu drehen beginnt. Die Trance, in der ich mich befinde, lässt mich treiben. Ich spüre eine aufsteigende starke Übelkeit, während ich zu bemerken meine, wie mir jemand die verschwitzten Haare von meiner feuchten Stirn streicht. Aber da ist niemand…wieder nur eine Täuschung meines Ichs. Der Fehler die Erinnerungen aufsteigen zu lassen und dazu gehört leider auch das Tanzen. Erinnerungen, die ich nicht leben möchte, weil sie zu sehr schmerzen. Die Playlist spielt weiter und warum auch immer muss ich in diesem Moment an mein Auslandssemester in Mexiko denken und an das südkoreanische Mädchen, das vom Dach fiel. Ich habe sie nur vom Sehen gekannt, sie wohnte in der internationalen WG von einem Kumpel von den Intercambio Leuten. Eines Tages kam ich morgens in die Uni und eine andere Bekannte nahm mich beiseite und erzählte mir was geschehen war. Mich erinnerte das im Gegenzug an Geschehnisse und die Vielzahl an Todesfällen in meinem peruanischen Barrio und an… - doch im Bezug auf jenes Geschehnis, kann ich auch heute wieder schnell den Weg hinaus aus der Erinnerung verschließen. Keine Ahnung, warum ich in diesem Moment an Mexiko denken muss, an das Mädchen und an die Trauerfeier voller Blumen und Kerzen. Sie war auf dem Dach gewesen, mit mehreren anderen, gut betrunken und high vom gerauchten Marihuana. Das sind die einzigen Fakten, die ich kenne…alle sagten, dass es ein Unfall gewesen war.

Ich versuche die Gedanken daran zu verdrängen, doch die Musik schiebt mir weiter genügend Erinnerungsfetzen an die verschiedensten Dinge zu. 
Lateinamerika…  


Dominik

Tanzen ist wie die Musik nachzuzeichnen...


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1 Kommentar:

  1. Anonym30/6/16

    Danke :) Hab mich auch sehr gefreut :)
    Mein Plan steht schon sehr fest :X Ich hab ein duales Studium Maschinenbau bekommen, was ich mir gewünscht habe und da fange ich auch schon morgen das arbeiten an. Im Oktober gehts dann mit dem Studieren los :)

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La vida...

«In dieser Nacht erzählte er mir, er glaube, das Leben gestehe jedem von uns wenige Momente reinen Glücks zu. Manchmal sind es nur Tage oder Wochen. Manchmal Jahre. Alles hängt von unserem Schicksal ab. Die Erinnerung an diese Momente begleiten uns für immer und wird zu einem Land des Gedächtnisses, in das wir im ganzen Leben umsonst zurückzukehren versuchen.»
[Marina - Carlos Ruiz Zafón]