süchte (Triggergefahr)

Es ist Freitagabend und Steve ist schon seit Ewigkeiten durch die Haustür verschwunden. Daher hocke ich hier im Wohnzimmer, alleine, vor mir eine Flasche Rotwein, die schon halb leer ist. Im Hintergrund läuft irgendein Radioprogramm – Musik unterbrochen von der krampfhaft enthusiastischen Stimme eines Moderators, der alle möglichen dummen Witze reißt und dämliche Kommentare von sich gibt.
Seit ich meine ehemalige Freundin nun als Ex-Freundin bezeichnen kann, bin ich kaum noch ausgegangen. Irgendwie ist mir die Lust darauf vergangen und es gäbe eh niemandem mit dem ich entweder weggehen oder richtig Tanzen gehen könnte. Die von der Uni sind keine so engen Freunde, als dass ich mit ihnen feiern gehen würde und Andrés, mit dem ich seit dem Auslandssemester ein wenig dicker bin, steht nicht so auf Tanzen gehen bzw. favorisiert andere Musikrichtungen als ich. Mehr als in der Uni sehen wir uns derzeit auch nicht.  
Wir sind also alleine – also wir, das sind der Rotwein, die Klinge und ich. Tolle Aussichten um ins Wochenende zu starten, aber egal. Besser als nichts… Die Klinge gefällt mir, wie sie blitzend im Licht der Lampe neben dem Glas mit dem tief dunkeln Rotwein, der an die Farbe von getrocknetem Blut erinnert, liegt. Tolle Kombination. Vorher – Nachher… Langsam schiebe ich die Ärmel meines Langarmshirts hoch. Andere Oberteile trage ich eigentlich kaum noch, da ich sonst meine mit Schnitten übersäten Arme zur Schau stellen würde und jedem will ich meine seltsame Leidenschaft wirklich nicht auf die Nase binden. Ich brauche sie. Auf der einen Seite fasziniert es mich und auf der anderen Seite erschreckt mich meine eigene Zerstörungsmacht. Kaum ist noch Platz für neue Schnitte, aber das ist mir egal. Dann öffnen sich eben die die Alten. Hauptsache ich kann mich entweder betäuben, etwas fühlen, mich bestrafen oder mich ablenken……oder auch alles zusammen. Der Schnitt von Weihnachten ist, dank den Cremes, auch schon gut verheilt, aber trotzdem noch recht gut sichtbar - rosan und leicht angehoben...vielleicht wird er irgendwann nur noch eine weiße Linie sein. Aber das wird dem Arm auch nichts nützen…drum herum habe ich auch schon genug gewütet…
Ich trinke noch einen Schluck Rotwein. Er ist schwer und hinterlässt einen komischen trockenen Geschmack auf meiner Zunge. Morgen werde ich sicherlich Kopfschmerzen haben. Hoffentlich bleiben mir Flugzeuge und im Kreis fahrende Züge erspart. Ein dezentes Hämmern würde voll und ganz ausreichen.
Ich betrachte weiter meine Arme und frage mich, wo ich mich sonst noch schneiden könnte. Totales Neuland sozusagen…das ist natürlich immer besser, als die schon zerschundene Haut weiter zu zerstören. Aber mir fällt kein anderes Körperteil mehr ein. Meine Waden, denen bisher jeder noch so kleine Schnitt erspart blieb, sollen auch weiterhin clean bleiben. Wenn ich im Sommer, sofern ich da noch lebe, weder T-Shirts tragen noch mit freiem Oberkörper werde baden können, will ich es mir wenigstens ermöglichen kurze Hosen tragen zu können. Denn ich kenne mich zu gut. Fange ich nur mit einem kleinen Schnitt an einer Stelle an, so wird es dabei sicher nicht bleiben und dann werde ich auch dort nicht aufhören können.
Nachdem die Zeit noch ein wenig fortgeschritten ist und der Rotwein sich dem Ende zuneigt, entschließe ich mich es nicht länger heraus zu zögern und dem Druck nachzugeben. Ich greife nach der Rasierklinge und betrachte erst sie und danach meine Arme. Wo werde ich ansetzen oder überlasse ich dies dem Zufall? Ich lasse den Gedanken und will gerade zum ersten Schnitt ansetzen als es an der Türe klingelt. Wenige Sekunden schwebt die Klinge wie erstarrt über meinem entstellten Arm. Dann ziehe ich sie mit Nachdruck durch meine bereits entstellte Haut und sehe zu wie das Blut heraustritt und sich der Schmerz meines Armes bemächtigt. Es ist wie eine Erlösung, dieses Gefühl, das den Schmerz begleitend durch meinen Körper zieht. Doch es ist leider nicht von langer Dauer, da ich mehr will. Ich brauche mehr Blut….das hier ist nicht genug!
Wieder klingelt es und ich frage mich, wer in Gottes Namen vor dieser Tür steht. Steve ist das sicher nicht. Der vergisst nie seinen Hausschlüssel und außerdem wäre es noch viel zu früh für sein Heimkommen. Also wer sollte zu mir wollen? 
Erneutes Klingeln. Ich starre auf die blutige Klinge, dann auf meinen Arm mit dem frischen Schnitt. Wer ist sich so sicher, dass ich heute da bin? Langsam stehe ich auf. Die Klinge lasse ich dezent unter der dunklen, leeren Flasche verschwinden und ziehe den Stoff über meinen zerschundenen Arm. Dann bewege ich mich langsam zur Tür. Es klingelt wieder. Nachdrücklicher. Zum wievielten Mal eigentlich? Und wer zur Hölle mag das sein? Ich schaue durch den Spion und erkenne nichts.


Dominik


[aus meinem aktuellsten Text]


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2 Kommentare:

  1. Ich mag den Text irgendwie... c:
    Sag mal, diese Bilder sind irgendwie vom Zdf, heißt das sie stammen aus einem Film? Wenn ja, was ist das für einer?
    Danke für dein Kommentar neulich. Wird die Narbe eigentlich besser? Behandelst du sie irgendwie?
    Abrazos, Sirène ♥

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  2. Der Text ist super! Er geht mir richtig unter die Haut. Du schreibst sehr gut! <3

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La vida...

«In dieser Nacht erzählte er mir, er glaube, das Leben gestehe jedem von uns wenige Momente reinen Glücks zu. Manchmal sind es nur Tage oder Wochen. Manchmal Jahre. Alles hängt von unserem Schicksal ab. Die Erinnerung an diese Momente begleiten uns für immer und wird zu einem Land des Gedächtnisses, in das wir im ganzen Leben umsonst zurückzukehren versuchen.»
[Marina - Carlos Ruiz Zafón]