#throwback #2012

Draußen ist es noch recht kühl, der Frühling will einfach nicht kommen. Ein wenig fröstelt es mich bei dem Gedanken bald wieder vor die Tür zu müssen, doch ich weiß, dass bei ihm die Woche mehrere Prüfungen von der Uni anstehen - daher wird dieser Besuch nicht allzulang ausfallen. Meine Hände versuchen die Wärme meiner Teetasse aufzunehmen, doch es mag ihnen nicht so recht gelingen. Das Getränk dampft vor sich hin und wird noch längere Zeit viel zu heiß zum Trinken sein. Coca-Tee - nicht unbedingt ganz legal nach Deutschland eingeführt...wie er mir augenzwinkernd mitteilt. Das letzte Mal war er vor etwa einem Jahr in den Semesterferien dort gewesen, seine Leute besucht, neue Ecken "seines" Landes kennengelernt und entdeckt. ...und jetzt zeigt er mir Fotos davon, gibt Anekdoten zum Besten.
Wir trinken unsern Tee, reden weiter, doch plötzlich wird er ernst, taucht in eine völlig andere Welt. Ich beobachte ihn aufmerksam und warte ab, was nun kommt, welche Erinnerung er mit mir teilen möchte...oder wird sich sein Gesicht so verschließen wie vor einigen Monaten, als er mich von einem Moment auf den anderen bat zu gehen ohne einen wirklichen Grund...
"Bolivien..." seufzt er. Das Wort zergeht auf seiner Zunge, während er es ausspricht und dabei leicht die verschiedenen Silben sprechend liebkost. Mit nur einem Wort ruft er eine Reihe von Gefühlen und Vorstellungen in mir wach, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Nur allein seine Stimme vermag es und ich zweifele daran, ob jemand anders dies auch auf diese Weise schaffen würde. Gleichzeitig bekommen seine Augen einen glasigen Blick, so als würde er in die Weite hinter der Wand des Zimmers gucken, als würde seine Seele an jenen Ort zurückkehren, in welchen er sich vor Jahren haltlos verliebte. 
Ich beobachte ihn im Profil und warte darauf, dass noch etwas kommt. Seine Gesichtszüge sind markant, seine Haut leicht gebräunt und seine Haare haben eine dunkelbraune Farbe. Seine Augen, in denen etwas Geheimnisvolles liegt, sind meerwasserblau und seine Lippen, die ein leichtes Lächeln umspielen, haben diese Worte sanft geformt bevor sie Wirklichkeit wurden. Er fasziniert mich, genauso wie jene sagenumwobenen Erzählungen, Geschichten und Sagen über jenen Kontinent, der eine Fläche von etwa 20km2 umfasst und auf dem um die 500 Millionen Menschen leben.
Sanft berühre ich seinen Arm und plötzlich sieht er zu mir herüber und ich komme mir fast ein wenig ertappt dabei vor, wie ich ihn beobachte und mustere. Entweder scheint es ihm entgangen zu sein oder er erachtet es nicht als essentiell einen Kommentar dazu abzugeben.
"Bolivia, linda tierra mia...cuanto te extraño..." murmelt er, dann schaut er mich plötzlich durchdringend mit seinen meerwasserblauen Augen an: "Pass auf dich und dein Herz auf!" 
„Er ist so schön...", murmelt er nach einer längeren Pause des Schweigens und es dauert einen kurzen Moment bis ich begriffen habe, dass er sich auf den Kontinent bezieht. „Du wirst es lieben...glaub mir. Er wird immer ein Teil von dir sein und zu deiner zweiten Heimat werden. Du wirst viele neue Freunde finden, glückliche und traurige Momente erleben und bestimmt einen Mann kennenlernen..." Ich will schon protestieren - mir jemanden zu angeln gehört nicht zu den Punkten auf meiner To-Do-Liste - doch er lässt mich gar nicht erst zu Wort kommen. „Doch wirst du, auch wenn du es jetzt verleugnest..."
Ich schaue in seine meerwasserblauen Augen und versuche nicht darin zu versinken, während mich seine Stimme weiter einlullt. Abrupt wende ich den Blick ab und nehme meine Teetasse, um einen Schluck zu trinken. 
„Lass dich überraschen!", murmelt er leise. „Das Jahr wird viele Überraschungen für dich bereithalten." Ich nicke. Dann umarmt er mich fest. "Bis in einem Jahr!"
So bleiben wir lange Zeit sitzen, ich nehme seinen Geruch wahr, lausche seiner Atmung... Irgendwann ist unser Tee kalt und das ist das Zeichen zu gehen. Während wir uns aus unserer Umarmung lösen, spüre ich, dass es nun soweit ist. Keine Ahnung ob ich ihn vor meinem Flug wiedersehen werde. Das ist manchmal mit Uni und all dem Kram, den er sonst noch macht, etwas schwierig und kompliziert....und oft denke ich auch, dass mir diese Treffen einiges mehr bedeuten als ihm. 
Er greift in die Tasche seiner Jeans und holt etwas heraus. "Gib mir mal deinen Arm..." Ich strecke ihm meinen Rechten entgegen und er beginnt das Band, das er aus seiner Hosentasche zog, fest an ihm zu befestigen. 
"Damit dir nie etwas passiert und das Glück auf deiner Seite steht..." 
Dann umarmt er mich ein letztes Mal an der Tür. „Bis in einem Jahr", sagen wir beide. „Si Dios quiere..." fügt er noch hinzu und zwinkert mir zu. Dann gibt er mir eine feste Umarmung und ich verlasse die Auffahrt zu seinem Haus. Als ich mich kurz umdrehe sehe ich, wie er mir lächelnd nachschaut und, als er meinen Blick bemerkt, zum Abschied winkt.

Seit jenen Nachmittagen hat mich Lateinamerika niemals losgelassen, ich versank in seinen Erzählungen und den Bildern, die er von diesem fremden Land nur durch seine Worte malte. Irgendwann flog ich dorthin und lernte nach und nach diesen Kontinent lieben. Sein Armband trage ich noch heute und es hat mich immer begleitet und beschützt. Unsere Freundschaft ist geblieben und wird hoffentlich so unsterblich sein wie sein Glücksarmband... 


Von welcher Person ist hier wohl die Rede xD 
Und welches auf dem Foto wird wohl das Armband von ihm sein.... ;)
btw: ich hab meistens immer all diese Armbänder an - manche kann man auch gar nicht mehr abmachen - jedes, genauso wie die an meinen Fußgelenken, hat eine eigene Geschichte, eine Erinnerung oder eine besondere Bedeutung....


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1 Kommentar:

  1. Ich liebe Armbänder *-* vor allem solche mit Bedeutung! Kann mich nur nie entscheiden welche von meinen vielen ich tragen soll ^^

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La vida...

«In dieser Nacht erzählte er mir, er glaube, das Leben gestehe jedem von uns wenige Momente reinen Glücks zu. Manchmal sind es nur Tage oder Wochen. Manchmal Jahre. Alles hängt von unserem Schicksal ab. Die Erinnerung an diese Momente begleiten uns für immer und wird zu einem Land des Gedächtnisses, in das wir im ganzen Leben umsonst zurückzukehren versuchen.»
[Marina - Carlos Ruiz Zafón]